Wirst Du noch betreut – oder stirbst Du schon? (I)

Mit diesen, der Werbung entlehnten Worten soll mein erster neuer Beitrag beginnen. Vertreter der blaulautrettenden Zunft ahnen vermutlich, wo sich diese Episode abspielt. Ganz Recht. In einem sogenannten Pflegeheim. 

Diese Einrichtungen der Massenisolierung von alten und hilfsbedürftigen Menschen treiben mir regelmäßig die Schweißtropfen auf die Stirn, die Tränen in die Augen und die Zornesröte ins Gesicht. Ich finde es allgemein schon schade, daß es in den Familien nicht mehr usus ist, die Großmutter, wenn sie nicht mehr alleine wohnen kann, zu sich zu holen und zu betreuen. Dies ist aber in vielerlei Fällen der Tatsache geschuldet, daß dem Arbeitnehmer von heute diverse Steine in den Weg gelegt werden, sich um seine Familie zu kümmern. Berufstätige Eltern wissen da genau, wovon ich spreche.

Pflegeheim also. Mir fallen da mehrere Kategorien ein, in die man die dortigen Abläufe einteilen kann, welche zum Gelingen der Lebensabendbetreuung nach „modernsten pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen“ beitragen.

Faktor 1 – Personal

Ich habe großen Respekt gegenüber Menschen, die es freiwillig auf sich nehmen, ihr täglich Brot mit (Achtung, überspitzte Stereotypen) vollgepißten, vollgeschissenen, nahrungsverweigernden, ständig wirr rumschreienden, öfters mal weglaufenden, dementen Omis und Opis zu verdienen. ABER:  Auch wenn ich hinreichend gut ein Instrument spiele, werde ich nicht für die freigewordene Stelle in einer mir bekannten Band auditieren, da ich mich den Herausforderungen nicht gewachsen sehe.

Hauptsächlich begegnen mir bei Einsätzen in Pflegeheimen keine examinierten Altenpfleger oder gar Krankenpfleger, sondern Altenpflegehelfer(innen). Das ist eine einjährige Ausbildung. Gut, ich hab jetzt gut reden, schließlich macht man seinen Rettungssanitäter innerhalb eines Vierteljahres. Allerdings kann ich zumindest für mich behaupten, daß ich jeden Tag etwas Neues lerne und dies auch kognitiv verarbeite. Ich hab sozusagen jetzt 7  Jahre Ausbildung. Zurück zu den Helferinnen. Was lernen die in dem Jahr? Woraus besteht die Prüfung? Ich habe manchmal den Verdacht, die müssen nur genau vier (4) Sätze auswendig lernen, die ich mittlerweile singen kann:

  1. Ich bin erst seit <Zeitraum> hier
  2. Er/Sie kam grad erst aus dem Krankenhaus zurück
  3. Er/Sie wohnt erst seit <Zeitraum> hier
  4. Das ist normalerweise nicht meine Station

Zu (1): Kudos an die Heimleitung. Wer einen Rookie , anscheinend ohne suffiziente Einarbeitung ohne Supervision in den Nachtdienst schickt, begeht ein Organisationsverschulden

Zu (2): Das ist gut, dann können Sie mir ja genau sagen, weshalb, wie lange und mit welcher Diagnose, oder? Nein? Das ist aber schade. Ach, und der Entlassungsbrief ging ungeöffnet an den Hausarzt…

Zu(3): Dann wissen Sie ja bestimmt noch, wie fit er/sie hier Zimmer bezogen hat und können mir sagen, ob die Schlagseite nach links und die grunzenden Laute, zusammen mit den Spitzfüßen neu oder alt sind.

Zu(4): Das ist ja kein Problem. Sie haben bei der Dienstübergabe von der Vorschicht sicherlich eine Kompletteinweisung in diesen schwerst pflegebedürftigen Patienten erhalten, da sie ja sonst ihrer Arbeit nicht suffizient nachkommen können. Nicht? Schade. Übernahmeverschulden.

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One Response to Wirst Du noch betreut – oder stirbst Du schon? (I)

  1. BRC_MEDIC sagt:

    Zu Sylvester habe ich dann eine neue Stufe dazu bekommen: Abholen zum sterben. Ja, man will nicht das jmd. im Pflegeheim dahingeht, dass muss im KH passieren. Bei einer 91Jaehrigen, RR 79:54 haben wir dann doch einen Paramedic hinzugeholt. Nach dm verbringen in den RTW sagte einer von ihnen, das sie wohl einen „Purple Call“ haben, heisst: verstorben beim Transport. Frohes Neues …..

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