Semantik

Oha, wassn jetzt los? Hab ich nen Deutschkurs an der VHS besucht, oder warum auf einmal so ein Thema?

Keine Angst, es wird viel einfacher und hat was mit Dienstleistungen, Leistungen und unter Anderem mit explodierenden Rettungsdienstkosten zu tun.

Es gibt im Deutschen Worte, die haben zwar über die Jahre ihre Bedeutung behalten, werden aber irgendwie heutzutage anders eingesetzt.

Meine drei neuesten Favoriten sind da Bestellen, Beantragen, Anfordern.

Ich verstehe diese drei wie folgt:

Eine Bestellung ist die Aufforderung an einen Dienstleister, Produzenten oder Händler, mir gegen welches auch immer geartete Entgelt eine Leistung oder eine Sache zur Verfügung zu stellen.

Ein Antrag ist die Anfrage bei einer wieauchimmer gearteten Körperschaft, mir eine Leistung im Rahmen von Gesetzen und Verordnungen zukommen zu lassen, falls ich darauf ein Anrecht habe und (im öffentlichen Dienst) die Haushaltsmittel dafür noch nicht erschöpft sind.

Eine Anforderung ist die Mitteilung an die dafür vorgesehene Stelle in meinem Wirkungsbereich, eine Leistung oder eine Sache, die ich für die Fortführung meiner Arbeit benötige, zu liefern.

Nach obiger, eigener Definition würde das Folgendes heißen:

Mein Chef bestellt bei einem Medizinproduktehandel eine Kiste mit grünen Flexülen, weil wir die brauchen. Da der Medizinproduktehandel ein Wirtschaftsbetrieb ist, bekommt er von meinem Chef dafür Geld.

Da die Flexülen etwas teuer geworden sind, beantragt mein Chef über den Träger des Rettungsdienstes von den Kassen ein bißchen mehr Kohle, was sein gutes Recht ist.

Da die Kassen das nicht ohne Weiteres nachvollziehen können, fordern sie beim Träger des Rettungsdienstes  die Belege des letzten Quartals an, um zu gucken, ob die Flexülen wirklich so teuer geworden sind und wenn ja, uns die Mittel zuzuweisen.

Soweit alles klar, oder?

Dann zum eigentlichen Thema, des falschen Benutzens.

Letztens kamen wir mit affenartiger Geschwindigkeit im Plegeheim an. Einweisung mit RTW stand auf dem Pieper, was für den Laien soviel heißt wie „Der Kassenarzt war da und hat festgestellt, daß es dem Patienten derartz dreckig geht, daß er jetzt nicht noch 2 Stündchen auf das Liegendtaxi warten kann, sondern mit Alarm ins Krankenhaus muß“

Im Pflegeheim angekommen gabs da unseren Patienten, der uns mit rosiger Gesichtsfarbe und strahlenden Augen erwartete. Auf dem Notfalleinweisungsschein stand drauf „Zustand nach Sturz, Schnittwunde li. Hand“

Selbige war im Übrigen mit einem zwar etwas durchweichten, aber winzigen Pflaster abgedeckt und hätte, wenn man dem Patienten 15000 Einheiten Heparin gegeben hätte, vermutlich innerhalb der nächsten 14 Tage zum Tode geführt.

Was war also passiert?  Da der Onkel Doktor von der kriminellen kassenärztlichen Vereingung im Notfalldienst nichts auf sein Punktekonto angerechnet bekommt, darf er machen, was er will, sein Honorar verringert sich dadurch nicht. Und da eine anständige Wundversorgung in situ Desi und Kompressen kostet, läßt man das halt im Krankenhaus machen, damit man sein eigenes Material nicht verschießt.

Herr Doktor ließ sich also mit der hiesigen Rettungsleitstelle verbinden und forderte einen Krankenwagen an. Was schon hahnebüchen genug ist, denn beim AZ des Patienten hätte sogar ein Busticket gereicht. Aber ich bin mal nicht so und gestehe durchaus die Bestellung eines Taxis zu.

Da aber sowieso grade Freitagnachmittag ist, sind alle KTW damit beschäftigt, die Kliniken für das Wochenende freizuräumen, so daß sich eine nicht unerhebliche Wartezeit abzeichnet.

Ergo füllt Herr Doktor einen neuen Transportschein aus und erklärt der Leitstelle, daß die Sache keinen Aufschub dulde und er innerhalb der Hilfsfrist wünscht, einen RTW mit Blaulaut vor der Tür zu sehen.

Die Leitstelle fragt jetzt nicht großartig nach (Remember: alle 112-Anrufe sind auf Band und es will sich garantiert kein Disponent Eine einfangen) und schickt uns.

Wir bewegten uns also von ungefähr 400 Punkten im EBM (Behandlung vor Ort, etwa 20Euro) zu zusätzlichen 4 Euro (Hin-und Rückfahrt KH, Selbstzahler) über 150 Euro (KTW) zu ungefähr 300 Euro für den Rettungswageneinsatz.  Und dabei reden wir noch nicht von der vorstationären Behandlung im Krankenhaus, die vermutlich auch mit mindestens nem Hunderter zu Buche schlägt.

Das Interessante: Da dies alles über den Notdienst lief, ist hierbei eine Beantragung der Krankenhausheilbehandlung aufgrund Notfalls beim Kostenträger nicht vonnöten (was in der Regel auch ne feine Sache ist, wer will schon auf Rückruf von der AOK warten wenn er mit verdrehtem Körper auf der A7 liegt) und es wird demzufolge nicht im Voraus geprüft, ob die Indikation einer Krankenhauseinweisung mittels Primäreinsatz gerechtfertigt ist.

Die Anforderung stellt sich somit als Bestellung dar. Nur mit dem Unterschied, daß hier der Besteller die Dienstleitung nicht zum eigenen Gebrauch und nebenbei gesagt, schon garnicht auf eigene Rechnung tätigt.

So, ich hoffe, man konnte mir folgen.

Noch zwei Nachsätze, einer zum Thema, einer als Gegenpol.

Zum Thema fällt mir ein Link ein, den mir ein Kollege unlängst hat zukommen lassen. Der Chef des sachsen-anhaltischen Landesverbandes der Ersatzkassen beschwert sich darüber, daß die Kosten für den Rettungsdienst förmlich explodiert sind. Gut, meiner Meinung nach haben die EKn überhaupt keinen Grund, rumzuheulen, da vor allem im Osten die AOKen alle Rentner und insbesondere alle Assis sozial Schwachen Mitbürger versichert haben. Aber wenigstens einen guten Satz hat er rausgebracht: Die KV ist schuld. Halleluja!

Als Gegenpol fällt mir mein Herr Vater ein. Der wollte letztens modern sein und seine 56k Leitung durch DSL ersetzen. Was hat er also gemacht? Er ist zum T-Punkt gegangen und hat bei der Deutschen Bundespost einen DSL-Anschluß BEANTRAGT . *head->desk*

Falls dieser Beitrag etwas bissiger rüberkam als alles bisher Dagewesene, bitte ich um Verzeihung. Aber Mißbrauch von Solidarleistungen sind ein tiefrotes Tuch für mich.

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