bounceback – Ambulance style

88 Jahre, Sturz

So ähnlich sah die Nachricht aus, die abends auf dem Pieper stand. Ein kurzer Anruf der Leitstelle klärte auf, daß der Herr schon in den Morgenstunden die Nähe des Fußbodens gesucht hatte.

Vorbildlicherweise hatten die Angehörigen ihn selbst ins Bett gezerrt und den Notdienst der KV verständigt. Der untersuchte kurz, stellte nichts fest und fuhr wieder.

Später dann die Umentscheidung: Es geht nimmer. Und da kamen wir ins Spiel

Die Angehörigen machten sich Sorgen, daß Vater die Seite, auf die er gefallen war, nicht mehr so gut bewegen konnte, wie damals, als Montcalm Québec gegen eine Übermacht Engländer verteidigte. Und da der Kassenarzt ja bestätigt hatte, daß der Schenkelhals o.B. ist (kein Wunder, war ja Titan drin), mußte es zwangsläufig ein Schlaganfall sein.

Soviel zur Unterweisung durch die Leitstelle, wir fahren los und kommen an.

Vadder sitzt auf dem Bett und lächelt und freundlich an. Mudder guckt mit großen Augen, was auch kein Wunder ist, denn sie ist stocktaub. Die Kinder (oder Nachbarn? Hab ich nie rausbekommen) poltern mit allem auf uns ein, was die Anamnese zu bieten hat, wiederum angefangen bei der Einweihung des Hermannsdenkmals. Auf die Frage, was denn jetzt akut sei, kommt die Lieblingsantwort jedes Krankenträgers: „Na,  es geht halt nich mehr, schon seit Anfang der Woche!“

Gut, sag ich, und was war jetzt mit dem Schlaganfall? Er würde so komisch laufen, sagen sie.

Ein kurzer Check des alten Herrn offenbart in der Tat eingeschränkte Beweglichkeit in dem Bein, auf das er gefallen ist, namentlich die Unmöglichkeit einer vollständigen Extension. Gleichzeitig fallen die beidseits geschwollenen Unterschenkel auf, was auch gleich den Eintrag unter „Herzinsuffizienz bekannt“ erhält.

Weiter oben lächelt Opi immernoch und gibt bereitwillig Aukunft, wenn auch nicht immer einhundertprozentig zutreffend. Auf Rückfrage krieg ich zu hören, daß er ja auch nicht mehr der Jüngste sei und er das schon länger hat, öfter ein wenig verwirrt ist. Naja gut. Aber was ist das?

„Großvater, Großvater, warum hast Du so unterschiedliche Augen?“

„Na weil ein Glaukom er hat!“ schallt es von der Tochter/Nachbarin zurück.  Zack – wieder eine Diagnosemöglichkeit von dannen.

Der mittlerweile erhobene Blutdruck offenbart auch keine großartigen Anhaltspunkte und der Kreuzgriff zeigt, daß beide Arme gleichstark sind. Und gelächelt hat er auch beidseits hübsch.

Aber was willste machen, so ganz normal ist das mit dem Bein nicht und verdient durchaus krankenhausärztliche Aufmerksamkeit, allein schon im Hinblick auf eigenständige, nocturne Besuche bei Villeroy&Boch. (Wir erinnern uns, Omi ist genauso alt aber fast taub)

Jetzt kam mal wieder Raumtemperatur ins Spiel, er war ja der Fahrer, damit obliegt ihm die Zuführung des Transportmaterials, in diesem Fall schwebte mir ein Tragestuhl vor.

Da er aber ein Fan der Minimalmedizin bei größtmöglicher Schonung (des Mitarbeiters) ist, nimmt er lieber 10 Minuten für 5 Stufen Treppe, 5 Meter Gehweg und 2 RTW-Stufen in Kauf, als mal eben den dämlichen Stuhl zu holen und Opi ratzfatz innerhalb 2 Minuten in der Karre zu haben.

Da er den einzigen Schlüssel mit sich führte, war ich auch nicht wirklich in der Lage, dagegen zu agieren.

Wer das Schauspiel nachvollziehen möchte, tue bitte Folgendes (ohne Gewähr auf Schäden):

  • Man nehme eine Elastikbinde oder einen breiten Gürtel
  • binde damit einen Oberschenkel so eng wie möglich nahe der Leiste ab
  • warte, bis distal der Einschnürung alles taub ist und
  • laufe dann die Treppen runter

Ich denke, jeder versteht, was ich meine.

Eine Viertelstunde später sind wir dann endlich in Klinik A angekommen und stellen Opi dem Knochendoc vor, was er auch „gerne“ mit sich machen läßt.

Zeitsprung, zwei Stunden später

Dem orthopädischen ist auch aufgefallen, daß bei Vadder trotz 40 Furesis tgl. immernoch dicke Waden hat, außerdem mag er es nicht, wenn er keine klaren Antworten erhält.

Also wurde flugs zum Internisten abgeturft, welcher außer den typischen geriatrischen Standardmorbiditäten auch keine Erklärung fand. Da ja aber ein Sturz involviert war, gibts zur Sicherheit noch ein CCT.

Und wir sind wieder im Spiel!

„RTW-Verlegung KH A –> KH B“ stand auf dem Pieper.

Und was hatte Opi nun wirklich?

Röchtöch! Ein subdurales Hämatom links frontoparietal mit 10mm Mittellinienverschiebung, wohlgemerkt aber mit sowohl chronischen als auch frischen Anteilen. Und das paßt ja so wunderbar auf eine motorische Einschränkung auf der kontralateralen Seite, daß es ja schon fast wehtut.

Also auf in Klinik B, zum freundlichen Neurochirurgen, welcher Opi auch gleich auf der ITS einquartiert.

Achso, und was ich vermutlich nicht erwähnen muß: Natürlich wurde der alte Herr mit dieser „Bagatellerkrankung“ dazu „überredet“ vom Rollstuhl aus die Seitentür zu betreten. Allerdings hab ich mich diesmal durchgesetzt und ihn dann hingelegt.

Welcher Irre schafft denn bitte eine Hirnblutung im Sitzen durch die Gegend?

Um das aber nochmal klar zu machen: Ja, ich hab Mitschuld und kann nicht alles auf Raumtemperatur abwälzen. Eine gründlichere Anamnese mit ein wenig mehr Nachdenken hätte vielleicht schon eher ein AHA-Erlebnis produziert, gepaart mit mehr Durchsetzungsvermögen wär als Bonus noch eine angemessene Behandlung des Patienten dringewesen. Manchmal sehe ich die Knasttür vor meinem geistigen Auge schon aufgehen…

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