Retten im Akkord

Man sagt, getauschte Dienste sind Scheißdienste. Meistens hat es nämlich der Dienstauschinitiator im Blut oder Urin, wenn es doof wir. Es begab sich also, daß ich letzte Woche einen Anruf vom Professor erhielt, ob ich mit einem kurzen Wechsel einverstanden bin und seinen Dienst übernehme. Da sich damit die Chance eröffnete, einmal mehr nicht mit Raumtemperatur auf der Karre zu sitzen, sagte ich sofort zu. Unter anderem auch, weil sich dadurch ein extrem langes Wochenende eröffnete. Ich hatte ja keine Ahnung…

Gestartet haben Professors Teampartner, den ich ab sofort den Sachsen nenne (ob seiner Mundart, auch wenn die woanders herstammt) um 6 Minuten vor Dienstbeginn, gottlob NACH dem ersten Kaffee. Wobei ich nicht meckern kann, denn der ablösende Notarzt joggte schon viertel vor Sieben vom Parkplatz rüber und sprang in die Seitentür vom bereits mit laufendem Motor dastehenden NEF.

Der Sachse und ich haben uns auf der Anfahrt kurz verständigt, wie wir pflegen zu arbeiten, was schön war, denn der Sachse ist ein Fan der Maximalversorgung (außer scoop&run-Indikationen) und ich bin durch monatelanges Fahren mit Raumtemperatur heiß drauf, auch mal den Rucksack in der Wohnung aufzumachen. Weiterhin stellten wir fest, daß wir beide dazu neigen, die Statustasten am Funkhörer angenähert so zu drücken, wie es der Realität entspricht, und nicht wie sonst die 7 (losgefahren beim Pat.) bei Ankunft im Krankenhaus, gefolgt von 40-50 Minuten die 8 (angekommen im KH) weit nach Patientenübergabe.

Das ist ein Usus, der vor allem in geschäftigen Rettungsdienstbereichen leider öfter anzutreffen ist. Zum Einenn durchaus nachvollziehbar, denn wer schnell wieder frei ist, fährt schnell wieder den nächsten Einsatz.

Außerdem, so argumentieren Einige, dürfe man nicht vergessen, daß je mehr Einsätze ein Fahrzeug schafft desto größer die Gefahr ist, daß der Kostenträger Fahrzeuge streicht. Und damit Arbeitsplätze.

Die Argumentation ist selbstverständlich richtig, wenngleich auch für einen Mitarbeiter im Rettungsdienst nicht wirklich angemessen.

Na klar, auch ich möchte dreimal täglich eine Mahlzeit zu mir nehmen oder auch mal (vor allem im Sommer) ganz gern einen Schluck trinken. Und zu dem Zweck ziehe ich bei Bedarf die Einsatztzeit auch gern mal nach hinten raus, allerdings für selten mehr als 5-10 Minuten. Und dies mit ruhigem Gewissen, da „RTW xx/83 wieder einsatzbereit“ eine Falschmeldung wäre, wenn der Rettungssherpa total unterzuckert am Lenker hängt und der Beifahrer aufgrund mangelnder Flüssigkeitszufuhr mit stehenden Hautfalten imponiert.

Aber doch bitte im Rahmen, alles Andere ist meiner Ansicht nach unkollegial und in einigen Fällen neicht mehr unmoralisch, sondern schon fast strafbewehrt („Spinnst Du? die Stadt hat keine RTW mehr, da kannste uns doch nicht freuimelden, da kriegen wir sofort wieder einen“) im Sinne der unterlassenen Hilfeleistung.

Also haben wir uns brav immer freigemeldet, unter einbeziehung der einen oder anderen Pause für Wasser, Brötchen, Kippe.

Volltreffer. Damit waren wir der Dienstzeit bis ca. 20Uhr immer um ein bis zwei Einsätze voraus, d.h. um Zwölf hatten wir schon N°7 am Start, gegen 15Uhr (nach 8 Stunden) gerade fertig mit Einsatz Nummer 10.

Das ist besonders schmerzhaft, wenn man beim Vorbeifahren an der Rettungswache einer feindlichen befreundeten Hilfsorganisation mit Alarm vorbeifährt (um in deren Bezirk zu retten) und den Kollegen mit Kaffeetasse in der Hand und Liegestuhl vor der Tür (wo der Rest der Besatzung drinliegt) gerade am Funk zu hören, daß er mit seinem Autochen jetzt fertig am Krankenhaus A ist.

Das ging dann soweit, daß mich die Leitstelle fragte, ob ich nen Zwilling hätte, denn irgendwie würden die ständig von mir über Funk hören, in welches Krankenhaus wir jetzt fahren…

Zum Glück wurde es nach Einbruch der Dunkelheit sehr viel ruhiger und es war uns möglich, geschlagene 5 (FÜNF!) Stunden am Stück zu schlafen.

Das Ganze wurde gepaart mit einem guten Gefühl, denn von 18 Einsätzen gabs 16 Menschen, die wirklich krank oder verletzt waren und nur einmal „Na, dann kommse ma“ (Huch-Syndrom) und einmal „Na, dann geh doch…“ (unwilliger Ethanoltanker).

Mein Körper sagte mir zwar nach Dienstschluß, ich wär ein Vollidiot, mein warmes Bauchgefühl und meine Selbstachtung bestätigten mir allerdings, daß ich bzw. wir alles richtig gemacht haben.

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