Wenn der Doktor 12mal schießt…

…heißt das meist, das unter Umständen Hopfen und Malz, vor allem aber Hirnparenchym den Weg alles Irdischen gegangen ist. In den meisten Fällen bleibt, bei ansonsten gutem Allgemeinzustand des Empfängers der Defibrillation, ein wenig Gewege zur Verpflanzung in hoffende Spender über.

Immer? Nicht immer. So geschehen vor ein paar Monaten.

Ich bin ausnahmsweise (oder zum Glück) nicht mit Raumtemperatur unterwegs, sondern mit naja, nennen wir ihn Frank, nach der Lieblingsfigur in seinem Lieblingsfilm. Frank ist jünger als ich, aber wesentlich bockloser. Dafür hat er aber, im Gegensatz zu Raumtemperatur Abi und mußte für seinen Assischein wenigstens eine staatliche Prüfung ablegen.

Es übertönt der Pieper das monotone Rascheln in den noch heißen Tüten mit Inhalten eines bekannten Hackfleischbrötchenvertriebs mit der Aufforderung, daß wir uns doch bitte in notärztlicher Begleitung zu einem Teenager mit Asthmaanfall bewegen mögen. Innerlich schon Theo und Predni aufziehend bewegen wir uns mit Warpgeschwindigkeit zum Einsatzort, da ja wohlgemerkt Burger nur warm schmecken.

Dort angekommen empfängt uns das komplett dekompensierte Elternpaar – und die leblose, 12jährige Tochter mit beginnendem Livor mortis und entrundeten Pupillen.

Beutel raus, EKG dran, Hurraa, die Notärztin ist auch gleich da.  Frank fängt an zu beuteln und zu drücken (Ich weiß, aber Zweihelfermethode ist nur im Schulungsraum Standard), während ich mir auf dem Fußrücken etwas gefäßähnliches zum Punktieren suche. Und siehe da, oh Wunder, 18G in die V. dorsalis pedes gehen meistens rein und diesmal auch nicht para.

Frau Doktor versucht nun, nachdem der Tubus kunstgerecht liegt, in den Ersatzrythmus Atropin zu geben, aber die Kleene rutscht immer wieder ins Flimmern ab. Stattdessen Adrenalin und Strom. Nüscht.

Eigentlich, aber nur eigentlich wäre es vernünftig, aufzuhören. Aber man hört deutlich, daß die Patientin gegen die Beatmungsmaschine atmet. Davon abgesehen, wird wohl niemand von uns verlangen, vor den Augen der entsetzten Eltern den Stöpsel zu ziehen und eine Decke über die (in dem Falle 2. verstorbene) Tochter zu werfen. Also weiter

Nach dem 10. Schuß und weiteren Atropin/Adrenalin und auch Cordarexapplikationen die Idee: Bicarbonat. Ich weiß, Blindpuffern soll man nicht mehr, aber in der Not frißt der Teufel Fliegen.

Und siehe na, kurze Zeit bzw. 2 Schüsse und nochmal 2 Supra später  kommt er: Der stabile Eigenrythmus. Mittlerweile ist die rote Garde (zum Tragen) und das Intensivbett bestellt, wir packen ein und fahren ins Krankenhaus.

Dort gibt es gleich nen ZVK und die Kühlung, damit, so denken wir, wenigstens die Organe gerettet werden können.

Die Hamburger hätten im Übrigen auch warm nicht mehr geschmeckt, wir drücken sie uns trotzdem rein.

Zeitsprung, eine Woche später:

  • Extubiert
  • zur Person orientiert
  • kommunikationsfähig
  • Verlegung in ein Rehazentrum

Wer sagt eigentlich, daß es keine Wunder gibt?

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3 Responses to Wenn der Doktor 12mal schießt…

  1. SusiP sagt:

    Ich hab echt viel lieber so´n Happy End. Kannste nicht für die zukünftigen Geschichten immer ein gutes Ende schreiben?

    Nee, ich weiss. Das wahre Leben ist anders.

    • Nun, ich werd mir Mühe geben. Happy End gibts in der Tat nicht immer, aber genau der Fall zeigte mir mehr als deutlich, warum ich eigentlich dabei bin.
      Und auch dabei bleiben werde…

  2. […] the family… Letztens berichtete ich über eine Art Wunder, nämlich die (erfolgreiche) Reanimation eines zwölfjährigen Mädchens mit halbwegs sicheren […]

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